Fondsumbenennung zu f3x euroflex

Wir freuen uns, das Jahr unter einem neuen Namen zu starten. Zum 1. Januar 2022 wurde der Fonds von „CCA European Opportunities UI“ in „f3x euroflex“ umbenannt. Der neue Name passt nun wieder zum Firmennamen und klingt, wenn man ehrlich ist, auch einfach eleganter.

#aufeinerfolgeiches2022

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Wenn ESG ohne Ethik stattfindet: Beispiel Pflegeheime

Aus ethischen Gesichtspunkten sollten sich Pflegeeinrichtungen nicht zum primären Ziel setzen, Gewinne zu erwirtschaften. Aus dieser Überzeugung heraus haben wir uns vor kurzem dazu entschieden, eine unserer Beteiligungen abzustoßen. Diese ist im weiteren Sinne dem Pflegebereich zuzuordnen. Fondsgesellschaften schreiben sich oftmals auf die Fahne, in der Gesundheitsindustrie auf gute Investments zu setzen. Demografischer Wandel und steigender Wohlstand in hoch entwickelten Gesellschaften sind immerhin starke Rückenwinde für den Sektor. Bei der Selbstvermarktung in der Finanzindustrie schwingt dabei oftmals unterschwellig eine positive moralische Botschaft mit - fast so, als ob ein Investment in Pflegeheime äquivalent dazu ist, sich persönlich um pflegebedürftige Menschen zu kümmern.

Das entspricht aber absolut nicht der Wahrheit: Ob Krankenhaus, Pflegeheim oder sonstige personalintensive Einrichtung: Alle sind unter Kostendruck. Es mangelt an Personal und gleichzeitig sind die Gehälter unattraktiv. Das System ist aus einer ökonomischen Notwendigkeit heraus auf das Prinzip "Melken" ausgelegt - dinglich und menschlich. Als privatwirtschaftliches Unternehmen mit Renditedruck ist es eigentlich kaum möglich, das Geschäft ethisch und verantwortungsbewusst durchzuführen. Wirtschaft ist immer ein bisschen schmutzig, aber in Zusammenhang mit menschlichen Grundrechten wie Krankenversorgung und Pflege im Alter ist das Prinzip "Melken" unangebracht. Daher sind wir "raus" aus solchen und verwandten Geschäftsmodellen.

Die Tatsache, dass die Pflegebranche berühmt für ihre ausgefallenen Taktiken in puncto Betriebsratsvereitelung ist und sicherlich jeder schon einmal aus seinem Bekanntenkreis von hoher psychischer Belastung bei Ärzten und Pflegern gehört hat, bringen f3x zu der Frage: Wie erfüllt man eigentlich Social und Governance Kriterien als solches Unternehmen? Wir sind die falschen Ansprechpartner:innen, aber man kann sich an die ESG "Vorbilder" der Branche wenden: Es gibt da draußen "tiefgrüne" Impactfonds nach Artikel 9 der EU-Offenlegungsverordnung, die alle 17 Sustainable Development Goals der UN gleichzeitig unterstützen wollen, und es geschafft haben, einen der größten Massenpflegebetriebe Europas in das Portfolio aufzunehmen. Für uns ist das absolut nicht vertretbar und ein anschauliches Beispiel dafür, dass Ethik auf Basis von Kennzahlen nicht immer ausreicht. Manchmal entstehen durch ESG Ratings ethische Absurditäten.

Wer mehr über Kapitalismus im Pflegebereich erfahren will: Der Tagesspiegel hatte vor kurzem einen breiten Artikel dazu veröffentlicht. (LINK)

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Turbokapitalistische Argumente für Frauenförderung

In meiner Industrie ist es um die Geschlechterparität sehr bescheiden gestellt. Laut einer Studie von Citywire (LINK) liegt der Frauenanteil im deutschen Fondsmanagement zuletzt bei 6%. Wer noch geringere Quoten sucht, findet diese vermutlich bei Dachdeckern und Straßenbauern (LINK).

Mich persönlich stört Ungleichbehandlung, egal ob Tier oder Mensch, ganz grundsätzlich – so bin ich eben gepolt. Für alle, die keine Zeit für „Gutmenschenquatsch“ aufbringen können, habe ich zwei eiskalte, kapitalistische Argumente für Frauenförderung:

 

Wettbewerbsfähigkeit

Die Gesetzmäßigkeiten des Wettbewerbs ändern sich rapide. Eingefahrene Marktpositionen und ökonomische Burggräben werden immer öfter ausgehebelt. Die Disruptionsfrequenz nimmt zu. Der Wettbewerbsschutz durch Patente oder Zugriff auf bestimmte physische Ressourcen reicht nicht mehr aus. Langfristig gewinnt, wer die besten Mitarbeiter:innen an sich binden kann und diesen ein agiles Arbeitsumfeld bieten kann. Investmentbanken sind gerade in einer Hochphase des „War for Talents“. Im Mittelpunkt steht die stumpfe Methode sich gegenseitig mit höheren Fixgehältern zu überbieten. Das unterliegt einem abnehmenden Grenznutzen. Der einfachste Weg den Recruiting-Funnel zu erhöhen ist, einen großen Fokus auf Bewerberinnen und Mitarbeiterinnen zu legen. Wer es schafft den Stein ins Rollen zu bringen, wird sich über einen Schneeballeffekt freuen können. Eine größere weibliche Belegschaft, insbesondere in Führungspositionen, signalisiert nämlich viele nicht-monetäre Vorteile wie flexible Arbeitsmodelle und menschlichere Arbeitsbedingungen. Das wiederum dürfte weitere weibliche Bewerber anziehen. Darüber hinaus wird es die männlichen Bewerberzahlen sicherlich auch nicht negativ beeinflussen, wenn ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis innerhalb eines Unternehmens herrscht. Arbeitet „Chad“ lieber bei einer Investmentbank mit 10% oder 30% Frauenquote?

 

Investmentalpha

Im Bereich des aktiven Fondsmanagements wird gerne darauf verwiesen, dass man unter allen Investitionsmöglichkeiten natürlich stringent die attraktivsten Risiko-Rendite-Konstellationen auswählt. Trotzdem unterliegt der Research-Fokus erheblichen Interessen-Verzerrungen. Der eine Analyst beschäftigt sich lieber mit Maschinen, und der andere lieber mit Software. Zwischen Analystin und Analyst müssten sich Interessen-Verzerrungen noch stärker abzeichnen. Bei der geringen Frauenquote im Fondsmanagement führt dies dazu, dass unbewusst gewisse Industrien und Geschäftsmodelle systematisch zu wenig Aufmerksamkeit im Research-Prozess erhalten. Die nie dagewesene Kapitalkonzentration innerhalb der Börsen auf wenige große Unternehmen, dürfte neben dem Einfluss von ETFs auch damit zusammenhängen. Wer diese Konzentration als Risiko sieht, sollte daran arbeiten die Frauenquote im Portfoliomanagement zu erhöhen. Außerdem ist davon auszugehen, dass immer mehr Finanzmarktteilnehmer sich das Thema Frauenförderung auf die Fahne schreiben werden. Wer jetzt schnell handelt, kann also neben dem Risikomanagement auch noch etwas für sein Alpha tun, in dem man sich die weibliche Perspektive so früh wie möglich ins Boot holt.

 

Wer sich für ein paar spannende Datenpunkte zu diesen Thesen interessiert, kann in eine Studie des RKW Kompetenzzentrums aus Eschborn reinschauen (LINK). Eigentümergeführte Unternehmen haben signifikant höhere Frauenquoten auf der ersten und zweiten Führungsebene. Die denken wohl langfristig…

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Wer bezahlt diesen Wohlstand? Das Vertrauensoligopol.

Wenn die Händler auf dem Wochenmarkt wesentlich mehr Äpfel anbieten, weil die Ernte besonders üppig war, dann fällt der Apfelpreis.

Wenn die Zentralbanken wesentlich mehr Euros, Dollar oder Yen drucken, dann müsste theoretisch das Geld weniger Wert werden. In der praktischen Welt fühlt sich das aber irgendwie nicht so an. Die relative Kaufkraft von Bürgern dieser Währungsräume scheint nicht abzunehmen, die Staatsanleihen dieser Länder sind weiterhin stark nachgefragt, das Vermögen von Menschen mit Aktienbesitz, insbesondere das der Jeff Bezos, Elon Musks und Mark Zuckerbergs dieser Welt steigt an. Die entwickelte Welt druckt sich reicher. Man fragt sich: Wie funktioniert das? Wer bezahlt das?

Die Produktivitätszugewinne in den USA, eine globale Technologie-Supermacht, können nicht der Grund für die enorme Wohlstandssteigerung für Aktienbesitzer sein. Der S&P 500 verdoppelte sich etwa in den letzten fünf Jahren, während der Produktivitätszugewinn laut Bureau of Labor Statistics im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegt. Ähnliche Relationen von Wohlstandssteigerung zu Produktivitätsgewinn liegen in anderen entwickelten Ländern vor.

Wenn die Wertsteigerung nicht aus sich heraus stattfindet, müsste ein Transfer stattfinden. Wenn die entwickelten Zentralbanken mehr Geld drucken, der Wert der Währungen aber gleichbleibt, dann müsste jemand anderes „ärmer“ gedruckt werden. Hierbei gibt es möglicherweise zwei verschiedene Transferouten mit unterschiedlichen politischen und moralischen Implikationen.

These 1

Wenn Staaten ihre Verschuldung erhöhen, ermöglicht durch die Anleihekäufe von Zentralbanken wie EZB oder FED, dann belastet man damit zukünftige Generationen. Das ist ein zeitlicher, generationenübergreifender Vermögenstransfer. Dieser Transfer passiert innerhalb einer Demokratie. Theoretisch können Wahlberechtigte mittelbar Einfluss auf das Verschuldungsverhalten ihres Landes nehmen. Der Medianwähler in der entwickelten Welt, also der, nachdem sich Politiker ausrichten, um Wahlen zu gewinnen, scheint Staatsverschuldung zu unterstützen. Die langfristigen Konsequenzen sind abstrakt und schwer zu begreifen. Konkret und verdaulich sind gut laufende Aktienmärkte, günstige Hypotheken und erste Formen von bedingungslosem Grundeinkommen wie die Stimulus-Checks in den USA. Diese Transferroute ist bereits reichlich kommentiert und in der Mitte des politischen Diskurses angelangt.

These 2

Über diese Transferroute wird noch nicht annähernd so viel diskutiert, möglicherweise bewusst, und die systemische Logik dahinter ist komplex. Untereinander sind die Währungen der großen, vertrauensbildenden Zentralbanken wie FED, EZB, Bank of England oder Bank of Japan relativ stabil. Alle dieser Banken haben sich seit der globalen Finanzkrise 2008/2009 (im Falle Japans sogar schon seit den 90ern) in unterschiedlicher Intensität der monetären Expansion verschrieben. Ein Blick auf die Zentralbankbilanzen von Türkei, Russland und Brasilien zeigt, dass dort eine ähnliche Strategie verfolgt wurde. Der große Unterschied liegt aber darin, dass der Wert der Lira, Rubel und Real sich wie der Preis von Äpfeln verhält: Es gibt mehr davon, der Preis fällt. Die USA, Europa, England und Japan drucken sich also faktisch reicher, während Türkei, Brasilien und Russland dies nicht können. Das ist eine signifikante Verschiebung von Kaufkraft, das ist Vermögenstransfer. Das große Ass im Ärmel von FED und Co. ist das Vertrauen in die politische Stabilität und möglicherweise auch militärische und technologische Macht. Große Kapitalanleger halten lieber Dollar- oder Euroreserven und amerikanische oder deutsche Staatsanleihen als Instrumente aus der zweiten Liga der Zentralbanken. FED, EZB, BoE und BoJ haben ein Vertrauensoligopol, welches elegant ausgespielt wird und damit den Wohlstand in den eigenen Einflussbereichen steigert.

Aus These 2 lassen sich einige Schlussfolgerungen ziehen:

  1. Es gibt einen hohen Anreiz für FED & Co. die Gelddrucker weiterhin zu nutzen.
  2. Aus (1) folgt, dass die hohen Börsenbewertungen (10x Umsatz für SaaS Unternehmen, KGVs nördlich von 50x) weiterhin rechtfertigbar sind. Growth Investing müsste weiterhin funktionieren.
  3. Es besteht ein Anreiz für europäische Staaten Teil des Vertrauensoligopols zu bleiben, was die europäische Integration fördert.
  4. Das Spannungsgefüge zwischen USA, England und Europa auf der einen Seite und Ländern wie Russland, Türkei und Brasilien bleibt erhalten. Für die politische Klasse besteht ein Anreiz, den Wohlstandsverlust auf der monetären Seite mit anderen Druckmitteln zu kompensieren. Druckmittel können in den Sphären Militär, Politik und Umwelt liegen. Russland expandiert, die Türkei kontrolliert Geflüchtetenströme, Brasilien zündet die Lunge des Planeten an.
  5. Der Wohlstandsverlust auf Ebene der breiten Bevölkerung im Sinne fallender Kaufkraft hat abstrakte, schwer zugängliche Gründe, was die Empfänglichkeit für einfache Erklärungen durch Populismus erhöht.
  6. Länder, die über noch geringere relative Macht auf Zentralbankebene verfügen als Russland & Co. und auch keine alternativen Druckmittel ausspielen können, haben einen Anreiz, neue Wege außerhalb des Fiat-Geld Systems zu bestreiten. Die Adoption von Kryptowährungen als gesetzliche Zahlungsmittel, wie kürzlich in El Salvador geschehen, könnte häufiger werden.

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Liquiditätskriege - Business Quality in den 2020ern

Peter Thiel sagt „Wettbewerb ist für Verlierer“. Er spricht davon, dass Unternehmer danach streben sollten monopolartige Stellungen zu erreichen. Vorbilder sind Google, Booking, Microsoft oder Apple. Häufig ist dies eine Kombination aus Produktexzellenz (eher Apple) und anschließend „sperrigem“ Verhalten, um Wettbewerb herauszuhalten (eher Microsoft). Manchmal ergeben sich monopolartige, oder in abgeschwächter Form, oligopolartige Anbieter-Konstellationen recht zufällig. Ein paar Wettbewerber überleben am längsten, koexistieren und achten darauf sich nicht gegenseitig zu ruinieren. Beispiele sind: Aromen- und Duftstoffhersteller, Inspektions- und Prüfungsunternehmen oder Ratingagenturen. Die Margen sind gesund, alle sind happy.

Aus solchen Situationen kann viel Wert gestiftet werden. Durch die geringe Wettbewerbsintensität wird ein großer Teil dieses Werts von den Anbietern vereinnahmt. Das betriebswirtschaftliche Ergebnis sind hohe Renditen auf das eingesetzte Kapital (englisch: „return on capital employed“ - ROCE). Im Jahr 1979 schrieb Warren Buffet in seinem Aktionärsbrief, dass dies der ultimative Lackmustest für Managementleistung sei. Ein hoher ROCE scheint auch eine wichtige Bedingung für das langfristige Überleben von Unternehmen zu sein. Er ermöglicht Unternehmen immer wieder in neue Produkte und Innovationen zu investieren und schützt vor temporär ungünstigen Finanzierungsbedingungen, sowohl auf der Eigenkapital- als auch auf der Fremdkapitalseite.

Vielleicht liegt es an einer Kombination aus Amazon und Softbank, aber die dominierenden Managementstile haben sich in den vergangenen Jahren verändert.

Amazon gewann und gewinnt auch heute noch durch maximale Kundenorientierung und achtete nur sekundär auf die Profitabilität einer Einzeltransaktion. Wichtig ist dabei zu beachten, dass Jeff Bezos brillant und glücklich zu gleich war, um das Kapital für die Finanzierung seiner Taktiken zu beschaffen. Die multidimensionale Ausbreitung von Amazon eröffnete immer wieder neue Optionalitäten, woraus heute beispielsweise die „Cashcow“ Amazon Web Services entstand. Die Lektion daraus: Verluste finanzieren kann sich lohnen.

Für Unternehmen, die einen ähnlichen Weg beschreiten wollen, ist heute das japanische Medienkonglomerat Softbank, mit seinem mehr als $100 Mrd. schweren „Vision Fund“ der Enabler schlechthin. Der Bürovermieter WeWork profitierte von den tiefen Taschen Softbanks und konnte ein höchst kapitalintensives Geschäft aufbauen und dabei sogar noch Mieter und potenzielle Mieter mit Benefits wie kostenlosen Getränken und Partys beglücken. Es wurde also sowohl auf „Capex“- als auch auf „Opex“-Ebene Kapital verbrannt.  Damit wollte man die weltweit zahlreichen Wettbewerber, bestehend aus kleinen lokalen Spielern, aber auch größeren Ketten wie Spaces oder Design Offices „erdrücken“. Auf irgendeinem Pitchdeck müsste dann auch eine Liste an Optionalitäten gestanden haben, wie man nachhaltige Profitabilität und eventuell sogar einen hohen ROCE erreichen könnte, nachdem der Wettbewerb eines Tages erledigt sein würde. So weit kam es aber bisher nicht und die Operation musste Ende 2019 in gesichtswahrender Manier mit einer Notfinanzierung von Softbank gerettet werden. Die Lektion daraus: Verluste finanzieren lohnt sich nicht immer.

Die Taktik den Wettbewerb mit massivem Liquiditätseinsatz zu erdrücken, wird bei der Startup-Finanzierung immer beliebter und ist sicherlich auch einer der Gründe wieso die Anzahl der weltweiten Unicorns in den letzten fünf Jahren von etwas über 200, auf um die 500 gestiegen ist: Die Liquiditätskriege sind ausgebrochen. Startupunternehmer verstehen das. Wer einen Kanal gefunden hat, viel Kapital zu einzusetzen und die Kunst der Geschäftsmodelloptionalitätsvermarktung beherrscht, hat Erfolgsaussichten. Nach der Möglichkeit langfristig einen hohen ROCE zu erzielen, fragt aktuell niemand. Es wird davon ausgegangen, dass man eine Idee nur lang genug mit Geld begießen muss, bis sie zum Monopolunternehmen heranwächst. Der Haken ist aber, dass manche Geschäftsmodelle strukturell nicht schützbar genug sind, bzw. einen so hohen Kapitalbedarf benötigen, dass man zu Lebzeiten keine Rendite auf seinen Einsatz erfahren wird. Am Ende eines Liquiditätskriegs müssen also attraktive Unit Economics und praktisch umsetzbare Geschäftsmodelloptionalitäten liegen. Wir schauen gespannt auf Automobilhersteller, Versicherungen und Lebensmittellieferdienste.

 

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Wie der Klimawandel dein Portfolio nervt

Quantifizierungsansatz auf einem Bierdeckel

Ich bin verwirrt.

In der Finanzbranche hört man ständig die Begriffe ESG, nachhaltiges Investieren, verantwortungsvoller Kapitalismus. Fragt man genauer nach was dahinter steckt, merkt man, dass die Implementierung des Themenkomplexes noch nicht ganz ausgereift ist.

Es gibt einige Rating-Agenturen und Indexierungsdienstleister, die erste Ansätze der Systematisierung und Quantifizierung von Nachhaltigkeit entwickelt haben. In meiner Wahrnehmung ist zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht klar, welcher Standard sich durchsetzen wird. Daher befinden sich viele Fondsmanager noch in abwartender Haltung, bevor sie sich für ein bestimmtes Rating, Zertifikat oder Implementierungsansatz entscheiden. Das ist rational.

Um meiner eigenen Verwirrung Abhilfe zu leisten, und ein grobes Gefühl für mögliche Auswirkungen der Nachhaltigkeitswelle zu entwickeln, mache ich ab und zu simple Rechenübungen.

Man ziehe beispielsweise die CO2-Bilanz von Unternehmen heran. Die aktuell aus meiner Sicht wichtigsten, da vom Unternehmen steuerbar, sind die Scope 1- und Scope 2-Emissionen. Wikipedia erklärt:

  • Scope 1-Emissionen stammen aus Emissionsquellen innerhalb der betrachteten Systemgrenzen, etwa unternehmenseigenen Kraftwerken oder Fahrzeugflotten.
  • Scope 2-Emissionen entstehen bei der Erzeugung von Energie, die von außerhalb bezogen wird, dies sind vor allem Strom und Wärme aus Energiedienstleistungen
  • Scope 3-Emissionen sind sämtliche übrigen Emissionen, die durch die Unternehmenstätigkeit verursacht werden, aber nicht unter der Kontrolle des Unternehmens stehen, zum Beispiel bei Zulieferern, Dienstleistern oder Mitarbeitern

Das Thema CO2-Fußabdruck wird von der EU und vielen anderen Regierungen auf der Welt schon seit geraumer Zeit angegangen. Seit 2005 gibt es in der EU den Emissionsrechtehandel. Der Preis für eine Tonne CO2 liegt aktuell um die €25. Der Emissionshandels beabsichtigt, die negativen Externalitäten des CO2 Ausstoßes zu internalisieren. Es soll also nicht die Zivilgesellschaft, in Form einer zerstörten Ozon-Schicht, für die negativen Externalitäten „schmutziger“ Produktionsprozesse bezahlen, sondern das verursachende Unternehmen selbst.

Wohlgemerkt, die €25 pro Tonne CO2 sind der aktuelle Marktpreis für ein Emissionszertifikat. Ein paar Minuten googlen offenbart, dass Schätzungen zu den externen Kosten einer Tonne CO2 sehr breit gestreut sind und €25 nicht unbedingt der Mittelwert sind. Die Obama-Regierung hatte 2013 nach einer großangelegten Studie $37 als „social cost of carbon“ (SCC) bestimmt. Zu damaligen Wechselkursen waren das knapp €30.

Ein wissenschaftliches Paper aus dem Februar 2019 hat eine Meta-Analyse zu SCC Schätzungen durchgeführt und herausgefunden, dass der Mittelwert bei $112 (ca. €100) liegt.

Was passiert im Extremfall, wenn die SCC vollständig in ein Geschäftsmodell eingepreist werden müssten? Wie würde sich der Wert von Unternehmen verändern, wenn man statt €25 pro Tonne CO2 plötzlich €100 bezahlen müsste?

Das Handelsblatt hat im Juli 2019 für einen Artikel über die CO2-Bilanz von DAX-Unternehmen ein paar "Fußabdrücke" zusammengetragen. Wir berechnen die zusätzliche Kostenbelastung auf den operativen Gewinn der Unternehmen unter der Annahme voll internalisierter SCC. Damit erhalten wir ein „adjustiertes EBIT“. Daraus lässt sich dann ein neuer Firmenwert (Enterprise Value) berechnen, der uns wiederum eine adjustierte Marktkapitalisierung liefert. Wir kommen zu extremen Ergebnissen. (EBIT und Marktkapitalisierung in EUR Mio.). Marktkapitalisierung und Enterprise Value sind vom 31. März 2019.

Es wurde kein Alt-Text für dieses Bild angegeben.

Es zeigt sich, dass eine Kombination aus hoher Verschuldung und hohem CO2 Abdruck fatal sein kann. Das Eigenkapital von HeidelbergCement, RWE und Lufthansa wäre wertlos und die deutschen Chemieriesen hätten auch nicht mehr so viel Spaß.

Das heißt nicht, dass man panisch sein Portfolio auf Nachhaltigkeit drehen sollte. Es heißt aber schon, dass man die Nachhaltigkeitswelle nicht belächeln sollte. Es könnte dem Geldbeutel weh tun.

 

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Dein Leben ist ein Stream

Wieso wir in einer Welt unbegrenzter Möglichkeiten trotzdem immer weniger Entscheidungen treffen.

  • Wer hat den letzten Song ausgesucht, den Du gehört hast?
  • Wer hat die letzte Serie ausgesucht, die Du angeschaut hast?
  • Wer hat darüber entschieden, welcher Freundin Du zuletzt zugehört hast?

In meinem Fall lautet die Antwort: „Vielleicht ich, aber wahrscheinlich eher nicht.“

Wir bauen heute auf dem Konzept der Gewohnheitsschleifen auf. Auf English heißt das „Habit Loops“ und ich werde diesen verdaulicheren Begriff für diesen Artikel verwenden. Ich bin kein psychologischer Fachmann - nur ein BWLer, der mit einem psychologischen Mentalmodel versucht, etwas in der Welt zu verstehen.

Ein Habit Loop ist ein neurologischer Prozess, welcher den Ablauf eines Verhaltens/Aktivität steuert. Er besteht aus drei Komponenten.

  1. Signal (engl. “cue“): Startschuss für den Ablauf eines Verhaltens/Routine
  2. Gewohnheit/Verhalten (“routine“): Das Verhalten, welches vom Habit Loop Prozess gesteuert wird
  3. Belohnung („reward“): Abschluss des Habit Loops.

Das Konzept ist in seinen Grundzügen relativ bekannt. Die meisten Menschen werden wissen, dass Hunde „konditioniert“ werden, indem man ihnen ein Leckerli gibt, nachdem sie in die richtige Ecke ge******en haben.

Der Habit Loop Prozess ist evolutionär entstanden, weil das menschliche Gehirn darauf gepolt ist, Energie zu sparen. Das Konstrukt mit Signal und Belohnung dient der Automatisierung des Verhaltens in der Mitte des Prozesses. Alles was nicht bewusst gesteuert oder entschieden werden muss, will vom Hirn automatisiert werden, damit es Kapazität für neue Eindrücke und komplexe Berechnungen im „Bewusstsein“ hat.

Wichtig ist auch noch zu verstehen, dass das Gehirn nicht so richtig evaluiert, ob das zu automatisierende Verhalten langfristig schädlich oder zuträglich ist. Das Gehirn kann manchmal ein Handwerker sein, für das jedes Problem nach einem Nagel aussieht und es kann ziemlich hartnäckig dabei sein, etwas als Nagel zu evaluieren. Das macht Habit Loops zu einem potenten und mächtigen Instrument.

Ein paar Beispiele für Habit Loops:

  • Im Aufzug auf das Handy schauen
  • Fingernägel kauen
  • Etwas Süßes nach dem Mittagessen
  • Autofahrt ins Büro

Habit Loops im Alltag lassen sich oftmals gut daran erkennen, wenn man sich nicht ganz so genau an einen gewissen Handlungsstrang erinnern kann. Bspw. bei Autofahrten zum Büro oder Supermarkt, steigt man in das Auto ein und ist dann wie in Trance, bis man am Ziel angelangt ist.

Jetzt lass das Konzept sacken und denke einmal darüber nach, wie viel Zeit deines Tages von automatisierten Prozessen bestimmt ist und wie viele Entscheidungen du am Tag wirklich aus einer bewussten Überlegung heraus triffst, oder ob nicht schon vorher absehbar war, wie Du auf eine mögliche „Weggabelung“ reagieren würdest.

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Menschen sind voller Habit Loops, die langfristig schädlich sind und daher kann das Konzept ein wenig angsteinflößend sein. Wenn man bedenkt, dass Menschen „Signale“ und „Belohnungen“ auch instrumentalisieren können, um Verhaltensweisen zu „designen“, wird man vielleicht noch ein wenig besorgter. Aber in erster Linie sind Habit Loops ein überlebensnotwendiges Verhaltensmuster der Menschheit. Wenn sie als Werkzeug verwendet werden, hängt die Wirkung von der Intention des „Handwerkers“ ab.

Informatiker sind fähige „Handwerker“ und können Habit Loops für sich nutzen, um damit Systeme zu „designen“. Eine „Schleife“ ist eine der ersten Algorithmus-Gattungen, die man bei der beliebten Programmiersprache Python lernt. Es ist kein Wunder, dass die Produkte und Dienstleistungen der Tech-Industrie voller Habit Loop Implementierungen sind und diese einen großen Anteil an der schnellen Skalierung ihrer Geschäftsmodelle hatten.

Eine Betrachtung der Tech-Unternehmen Facebook, Spotify, Netflix und YouTube lässt uns schnell die praktische Anwendung des Habit Loop Models und den unternehmerischen Kampf um die Zeit und Aufmerksamkeit der Nutzer verstehen. Dieser Kampf dreht sich hauptsächlich um „Signale“ (Cues) und Zeit für die „Routinen“. Ein Tag hat eben nur 24 Stunden, um darin Verhaltensmuster ablaufen zu lassen, und die Anzahl der täglich verfügbaren Cues ist ebenfalls beschränkt. Es gibt diverse natürliche Cues wie beispielsweise das Aufstehen am Morgen, Beenden einer Mahlzeit oder von der Arbeit nach Hause zu kommen. All diese Momente sind Einfallstore für Habit Loops. Es gibt auch die Möglichkeit, künstliche Cues zu erzeugen, wobei dies vermutlich leichter geht, wenn man einen Nutzer schon in seiner Plattform gefangen hat.

Facebook spezialisiert sich auf Cues. Eine kleine Zahl in einem roten Kreis ist das trojanische Cue-Pferd des sozialen Netzwerks. Es suggeriert interessante Neuigkeiten, die den Nutzer dazu bringen, die App zu öffnen. Von dort wird man in die Timeline weitergeleitet, welche einen bequem und ohne Anstrengungen durch einen Informationsfluss gleiten lässt. In dieser „Routine“ ist unser Gehirn wenig aktiv und damit auch anfällig für neue Cues. Diese können bewusst gesetzt werden, um kommerzielle Absichten zu erreichen.

Spotify und Netflix spezialisieren sich auf „Routinen“. Die Plattformen sind darauf ausgelegt, uns möglichst lange in sich gefangen zu halten, damit wir keine Zeit mit anderen Aktivitäten verbringen. Nutzer werden so widerstandslos wie möglich von Inhalt zu Inhalt geleitet. Netflix spielt automatisch die nächste Folge und Spotify spielt weitere vom Algorithmus empfohlene Songs, sobald eine Playlist durchlaufen ist. YouTube hat ebenfalls für sich erkannt, dass das automatische Spielen von weiteren Videos Nutzer länger auf der Plattform hält.

Das ist meine Wahrnehmung. Wie man diese Entwicklung bewertet, ist ein anderes Thema. In einer Welt, in der Möglichkeiten und Optionalitäten sich kontinuierlich zu erweitern erscheinen, könnte es sein, dass zukünftig folgende Fähigkeiten seltener und wertvoller werden:

  1. Habit Loops erkennen
  2. Evaluierung wie ein Habit Loop entstanden ist und ob er möglicherweise von Dritten implementiert wurde
  3. Reflektion über die eigenen Präferenzen
  4. Evaluierung, ob der fragliche Habit Loop die eigenen Präferenzen adäquat bedient
  5. Treffen einer eigenen, bewussten Entscheidung.

Übrigens, das Opus Magnum des Habit Loops Engineerings sind und bleiben für mich Kartoffel Chips. Wer auf einen Chip beißt, empfindet Belohnung (salziger, würziger Geschmack) und Cue (man empfindet sofort das Bedürfnis, mehr zu konsumieren) gleichzeitig. Da kann Facebook noch eine Menge lernen.

So, jetzt aber erstmal Netflix und Chill…

 

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Wieso Apple empathischer als Bayer ist

Die Einpreisungsgeschwindigkeit von Externalitäten

Sklavenhandel fanden viele Leute mal super. Das hat eine Menge Personen reich gemacht und ich bin mir sicher, dass irgendjemand irgendwann mal darauf hingewiesen hat, wie viele Arbeitsplätze doch geschaffen werden. Dann merkten plötzlich alle, dass es die Gesellschaft teilt und langfristig der Menschheit Schaden zufügt.

Ähnlich ging das mit Asbest aus. Viele Jahre konnte man sich über eine profitable Industrie freuen und Arbeitsplätze schaffen, bis man merkte, dass Asbest leider so viel Schaden anrichtet, dass es die positiven Effekte signifikant überlagert. Das ökonomische Phänomen, das wir heute aufgreifen und mit dem aktuellen Zeitgeschehen verknüpfen, sind sogenannte „Externalitäten“.

Wir sind jetzt mal sehr faul und kopieren einfach den Anfang des Wikipedia Artikels zu „Externalitäten“.

„Als externen Effekt (auch Externalität) bezeichnet man in der Volkswirtschaftslehre die unkompensierten Auswirkungen ökonomischer Entscheidungen auf Unbeteiligte, also Auswirkungen, für die niemand bezahlt oder einen Ausgleich erhält. Sie werden nicht in das Entscheidungskalkül des Verursachers einbezogen. Volkswirtschaftlich gesehen begründen sie eine Form von Marktversagen und können staatliche Interventionen notwendig werden lassen. Ein Beispiel sind die durch die Allgemeinheit zu tragenden Folgen des Klimawandels, die nicht im Ticketpreis einer Flugreise oder im Preis von Rindfleisch enthalten sind, obwohl der Konsum dieser Produkte durch den CO2- bzw. Methan-Ausstoß zu einem erheblichen Maß zum Klimawandel beiträgt. Diese Folgen sind somit ein externer Effekt des Konsums dieser Produkte und eine CO2-Bepreisung ein Weg der Internalisierung dieser externen Kosten.“

Okay, noch wach? : - )

Bezeichnenderweise verwendet der Wikipedia Artikel gleich das vermutlich prominenteste Beispiel unserer Generation für negative Externalitäten (volkswirtschaftlich ist dieser Begriff technisch nicht korrekt, aber hoffen wir, dass alle verstehen was gemeint ist)

Neben Rindfleisch und Flugreisen fallen beispielsweise noch die Braunkohleindustrie oder Kreuzfahrtschiffe in die Gruppe der Klimawandel-Externalitäten-Sünder.

Darüber hinaus sind klassische prominente Fälle noch die Tabakindustrie, Atomkraft, Düngemittel oder die guten alten „Alko-Pops“. Modernere Fälle sind Smartphone-Sucht oder die massive Verkürzung der Aufmerksamkeitsspanne durch soziale Medien und der neueren Unterhaltungsindustrie: Facebook, Instagram, YouTube oder Netflix.

Wie geht man denn so als Eigentümer oder Manager eines Unternehmens, das hohe negative Externalitäten verursacht, mit der Situation um? Zunächst einmal kann man ganz lange beide Augen zudrücken und versuchen die Externalitäten nicht zu bemerken. Damit umgeht man tatsächlichen Handlungsbedarf und ist auch emotional nicht belastet. Falls man sich nicht mehr davor verschließen kann, scheint der Königsweg zu sein: „Weitermachen wie bisher und warten bis es wirklich knallt.“

Unter „wirklichem Knallen“ kann man Regulierung (CO2 Bepreisung, prohibitive Steuern auf Alko-Pops) oder Boykotts verstehen. Letzteres bedeutet, dass Kunden aufhören Produkte zu kaufen oder Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Menschen, die aufhören zu rauchen oder die „delete facebook“ Kampagne im Jahr 2018 zählen hierzu. Es gibt auch hybride Formen von „Knallen“. Nach Fukushima mehrte sich in der deutschen Bevölkerung der Widerstand gegen Atomenergie. Der Sieg der Grünen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg kurz darauf hatte Elemente von Boykott, wurde aber dann politisch geschickt sofort von der CDU in den offiziellen Atomausstieg und damit in regulatorisches „Knallen“ übersetzt.

Ich stelle die These auf, dass Externalitäten (insbesondere negative) immer irgendwann durch sogenannte korrektive Instrumente wie Regulierung oder Boykott in das Geschäftsmodell eingepreist werden. ESG Befürworter könnten nun darauf verweisen, dass nachhaltige Unternehmen deshalb langfristig erfolgreicher sind und die Performance von Nachhaltigkeits-Indizes würde das auch belegen.

Schön wäre es. Ich glaube aber leider nicht daran. Wie die obigen Beispiele belegen (Asbest), kann es verdammt lange dauern bis Externalitäten eingepreist werden und man sollte sich darüber im Klaren sein, dass sich auf dem Weg bis zum großen Knall eine Menge Geld verdienen lässt.

Ich möchte die nächste These aufstellen und einen Erklärungsversuch unternehmen. Die Einpreisungsgeschwindigkeit von Externalitäten wird höher. Unternehmen werden sensibler für die Schäden, die sie anrichten. (Lies: empathischer). ESG Befürworter könnten darauf verweisen, dass die Gesellschaft dafür gekämpft hat, dass Unternehmen transparenter berichten und sich nun um alle ihre Stakeholder kümmern.

Schön wäre es. Ich glaube aber leider nicht daran, dass dies der wesentliche Treiber ist. Wenn man sich nachhaltige Aktienindizes anschaut, denkt man sofort an Greenwashing. Die klassischen Externalitäten-Sünder versuchen sich eher der Verantwortung zu entwinden, anstatt systematische Veränderungen vorzunehmen. Der Wille des Unternehmens tatsächlich Veränderungen vorzunehmen korreliert positiv mit der Unmittelbarkeit der Beziehung zwischen Menschen und dem Unternehmen. Desto weniger unmittelbar die Beziehung, desto leichter fällt es dem Unternehmen wegzuschauen und die Gesellschaft mit Kommunikation und symbolischen Gesten bei Laune zu halten.

Consumer Technology Unternehmen wie Apple, Facebook oder Spotify sehen sich sehr unmittelbaren Beziehungen ausgesetzt und haben dadurch den höchsten konkreten Handlungsbedarf. Apple, Facebook und Spotify wollen alles über ihre Nutzer wissen und deren Präferenzen verstehen. Man könnte sogar sagen, dass ihre Nutzer gleichzeitig ihr wichtigster Rohstoff sind. Wenn man Menschen als Rohstoffe interpretieren müsste, dann wäre eine mögliche Lesart:

Der Mensch ist eine einzigartige Konstellation an persönlichen Präferenzen, Neigungen und Geschmäckern.

Wenn das der Rohstoff ist, den ich als Unternehmen „bewirtschaften“ will, dann passe ich verdammt gut darauf auf, dass ich ihn nicht zerstöre. Zerstören heißt in dem Fall den Menschen zu verblöden, seiner individuellen Präferenzen zu berauben oder inaktiv zu machen. Wenn bei Spotify alle aufgrund der immer gleichen Empfehlungsalgorithmen (deine Freunde hörten auch…) nur noch Ed Sheeran hören, dann kollabiert die Plattform, bzw. Ed Sheeran wird dann ein etwas unangenehmer Vertragspartner für Spotify. Ein wunderbarer Artikel vom Guardian erläutert die negativen Externalitäten von Spotify. Ebenso will Facebook eine diverse Nutzerlandschaft pflegen, denn nur dann ist deren Fähigkeit, Auswertungen über eine große und komplexe Nutzerschaft zu machen, für die Welt interessant. (Siehe auch aktuelle Außenwerbung von Facebook mit dem Slogan „es gibt für jeden eine Facebook Gruppe“.) Apple will innovative, hochwertige Produkte und Services an seine Kunden verkaufen. Wie wir wissen ist das potenzielle Produktspektrum riesig. Computer, Handy, Tablet, Uhr, Apple Music, Streaming, Gesundheitsapps, und Autos? Apple braucht ganzheitlich funktionierende Menschen (Kunden) damit diese die immer neuen Produkte und Dienstleistungen verstehen und konsumieren können.

Wenn man genau hinschaut, sieht man in der Praxis erste Belege für die These, dass sich die Einpreisungsgeschwindigkeit von Externalitäten erhöht. Apple hat eine automatische Auswertung der Bildschirmzeit und Nutzungsdauer von verschiedenen App-Kategorien in ihr iOS integriert. Ich halte das nicht für Selbstzweck, damit iPhone Besitzer sich informieren können. Hier geht es für Apple um den Schutz seines wichtigsten Rohstoffs – den Nutzer.

Facebook beispielsweise experimentiert auf seiner Instagram Plattform gerade damit, die Anzahl der „Likes“ nicht mehr anzuzeigen. Klar, Mark Zuckerberg ist vermutlich auch betroffen, wenn er vom schwindenden Selbstwertgefühl 14-jähriger Mädchen erfährt, die sich in Ihrer Haut unwohl fühlen, weil Kim Kardashian mit ihrem chirurgisch optimiertem Erscheinungsbild ein surreales Schönheitsideal erschaffen hat. Andererseits hat er aber auch keine Lust auf die Boykottierung seiner Plattformen Facebook, Instagram und WhatsApp. Das spielt sicherlich auch eine Rolle.

Bei Spotify habe ich die B-Side Playlist für mich entdeckt. Das scheint ein Experiment zu sein, bei der mir völlig abartige Musikvorschläge gemacht werden, die eigentlich nicht in meine Empfehlungsalgorithmen reinpassen. Das sieht dann in der Praxis so aus, dass ich statt Rap plötzlich Deathmetal vorgeschlagen bekomme. Das ist zugegebenermaßen hartes Brot, aber ich lasse mich mal darauf ein.

Wenn man darüber nachdenkt wie jung Unternehmen wie Facebook oder Spotify sind, ist man erstaunt darüber, wie früh und schnell diese auf ihre negativen Externalitäten reagieren.

Ich glaube Consumer Technology Unternehmen achten also nicht primär aus „Gutmenschentum“ oder neuen nachhaltigen Reporting-Standards darauf, dass ihre Kundschaft unversehrt bleibt., sondern aufgrund einer harten ökonomischen Realität. Hinzu kommt, dass die Innovationszyklen in diesem Sektor kürzer sind. Alles dreht sich schneller. Wenn Du in der neuen, schnellen Welt überleben willst und nah am Menschen arbeitest, musst du hochsensibel und agil sein. Vielleicht gewinnt Empathie, weil der eiskalte, fiese Kapitalismus das so will?

Lustig.

 

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